Im Zug – Eine Kurzgeschichte

Im Zug – Eine Kurzgeschichte

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Menschen im Zug, sie teilen ein örtliches Ziel, doch ihre Lebenswege scheinen ihnen in ihrer verblüffenden Unterschiedlichkeit teils aus dem Gesicht zu springen. Sie sitzen, schauen und ihre Blicke kommunizieren teil lebhaft, teils teilnahmslos, mit Freundlichkeit oder grundlegender Abneigung gegen Alles sie umgebende. Sie blicken aus Fenstern, dieAugen und Gedanken schweifen zu den Wolken und folgen dem Fluss der die Fahrt begleitet. Sie sortieren den Inhalt ihrer Taschen, füllen die all zu kleinen Mülleimerchen, lesen konzentriert oder stetig abgelenkt Bücher und Zeitschriften.


Ich sitze allein in einem offenen 4-er Abteil auf dem Weg nach Zürich und weiß nicht was mit mir anzufangen. Keine Muse für Schlaf, keine Konzentration für ein Buch. Der Blick aus dem Fenster zeigt mir bekannte Gefilde nach Verlassen des Stuttgarter Baustellen-Hauptbahnhofs. Ich melancholiere vor mich hin als eine plötzlich laut erhobene Stimme meinen Tran durchbricht. Einem Herrn dringt die Unzufriedenheit mit sich, dem Leben und seiner Nebensitzerin aus jeder Pore. Er kann keinen passenden Platz finden und beginnt die Fahrt indem er die junge Frau neben sich ungehalten und in unerträglichem Ton maßregelnd auffordert, sofort ohne Umschweife ihre Tasche vom Sitz zu nehmen. Auch ihre beschwichtigende, entschuldigende Art ändert nichts an seiner generellen Verachtung für Alles und Jeden. Das offensichtlich südamerikanische Äußere seines Angriffsobjekts scheint seine Unflätigkeit noch anzustacheln. Auch das verbale Einschreiten der anderen Fahrgäste stoppt ihn nicht. Doch die junge Frau bewahrt Contenance, steht auf, verlässt den Platz, nicht ohne ihm noch einige sehr treffende, spanische Grußworte mit auf den weiteren Weg zu geben. Ich verstehe etwas wie er solle sein von einer Hurenmutter geschenktes Leben noch geniessen bis ihm, wie sie sich wünscht, die Eier abfallen werden. Ja, dieses Ende hat er sich dann vermutlich selbst eingebrockt! So abrupt wie der Aufruhr begonnen hat endet er auch wieder.


Vor dem Fenster fliegt ein Storch über den träge, in sachten Windungen vorbeiziehenden Fluss. Er könnte dem Mann ein kleines Bündel mit neugeborener Liebe und Lebensfreude vorbei bringen. Der Job mit den Babys scheint von der Storchenschar in den letzten Jahren eh nicht mehr so ernst genommen zu werden.
Schräg gegenüber unterhalten sich ein Mädchen und ein sehr junger Mann. Vielleicht wäre sie sauer wenn man sie als Mädchen bezeichnet, aber sie hat etwas so erfrischend kindliches in ihrem hellen, wachen Lachen dass ihr die Bezeichnung Frau fast etwas ungutes, ernstes hinzufügen würde. Sie haben sich eben als Sitznachbarn kennen gelernt und reden über Schule, Freunde, ihre Wochenendpläne und man kann förmlich greifen wie sie sich ständig näher kommen. Immer wieder schaut sie ihm ganz kurz in die Augen, errötet, wendet den Blick schnell wieder auf die vorbeiziehende Landschaft. Er ist deutlich forscher, fragt nach ihrer Telefonnummer. Wieder errötet sie, aber sie tauschen die Nummern aus, um dann am selben Bahnhof auszusteigen.


Dieser zuckersüße Kontrast zum vorherigen Wortgefecht macht mich ganz schläfrig. Ich stecke mir Kopfhörer in die Ohren und bin gerade dabei unter sanfter Musik weg zu dösen als der Zug hält und sich ein älterer Herr in der modisch seltsam anmutenden Kombination einer karottengelben Jeans und grünblauen Sportjacke neben mir nieder lässt und ihm gegenüber ein Geschäftsmann in grauem Anzug mit Aktenkoffer. Der ältere Deutsche beginnt eine sofortige Unterhaltung, in die der jüngere Schweizer direkt mit einsteigt. Jaja, er fahre nach Schaffhausen, dort lebe er mit seiner Frau. Er sei schon 73 aber arbeite immer noch. Schließlich sei seine Frau erst 40 und er nehme an sein Gegenüber wisse, dass man jungen Frauen nicht nur materiel sondern auch anderweitig etwas bieten müsse. Sein zweideutiges Lächeln lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht nur an Schmuck und Kleider sondern auch intimere Zuwendungen denkt. Der Schweizer antwortet, das sei wohl so und süffisant grinsend fügt er hinzu, als Mann müsse man immer an allen Fronten leistungsfähig sein. Ich versuche die Lautstärke meines MP3 Players zu erhöhen, muss aber feststellen, dass diese bereits am Anschlag ist und das weitere Gespräch wohl in meiner auditorischen Anwesenheit ablaufen wird. Jetzt komme er allerdings gerade von einem Klassentreffen erzählt der Deutsche. Viele seiner alten Kameraden hätten schon das Zeitliche gesegnet oder seien alte Knacker. Aber er und 3 weitere ständen noch in der Blüte ihres Lebens und hätten sich etwas ganz besonderes geleistet. Sauna mit Bedienung. Er lacht laut, was mich seinen Mundgeruch riechen lässt. Soso reagiert der Andere interessiert, sowas müsse man sich natürlich ab und zu leisten und mit der Plattitüde „man lebe ja schließlich nur einmal“ wendet er sich grinsend mir zu und mustert mich von der Spitze meiner Hoddie-Kapuze, die ich versucht habe zusätzlich über die Ohren zu ziehen, bis zu meinen unter der Hose nackt hervorlugenden Knöcheln. Hier verweilt er eine Weile. Bis zu den Sneakern kommt er nicht, da der Ältere sich ebenfalls zu mir geneigt hat und an meinem Ärmel zupft um mir zu bedeuten ich solle doch meine Kopfhörer heraus nehmen und mich gerne an ihrem Gespräch beteiligen. Ich verziehe mein Gesicht zu etwas, was eine dankende Ablehnung sein sollte, man aber vermutlich auch als angedeutetes Lächeln verstehen konnte, denn die beiden schwatzen fröhlich, ausreichend laut, dass ich auch ja alles verstehen kann weiter über Dinge, die ich nicht hören möchte. Ich beschließe kurzentschlossen mein Fahrziel fiktiv auf Singen vorzuverlegen, hieve meinen Rucksack vom Gepäckgitter, verabschiede mich und verlasse das Abteil um mir weit entfernt einen neuen Sitzplatz zu suchen.


In der neu gewonnenen Ruhe leert sich der Zug langsam. Ein verlassenes Freibad zieht vorbei. Der riesige Kunststoffpinguin im Kinderbecken schaut ganz schön bedröppelt drein. Sollte er nicht freundlich grinsend kleine Kinder beaufsichtigen anstatt halb vom Becken abgewandt den vorbeifahrenden Zügen traurig hinterher zu blicken? Vielleicht will er hier weg, zurück an den Südpol. Jetzt tut er mir leid.


Ich versuche mir von den Büchern meiner Mitreisenden neue Leseanregungen zu holen. Der Großteil liest erstaunlicher Weise 1000-Seiten Fantasieschinken oder historische Romane. Die Titel sind weder anziehend noch abstoßend. Irgendwie fühle ich mich heute Interessen-neutral. Diese Gefühl hatte ich im Zug schon oft, als ob das rattern, tuckern und brausen mich in einen Zustand der Gleichgültigkeit wiegen würde. Ich sinniere ein wenig vor mich hin bis mich eine freundliche weibliche Lautsprecherstimme in der Schweiz begrüsst und mir wünscht dass ich meinen Aufenthalt genießen möge. Ich beschließe mangels interessanter zu beobachtender Mitreisender die Zugtoilette aufzusuchen. Sie ist erstaunlich gut gereinigt. Aber ich frage mich warum ich offensichtlich ein gutes Händchen dafür habe immer die Momente zu erwischen in denen die Bahn wankend und schwankend diverse Kurven passiert. Also beschließe ich fortan die Strecke Stuttgart -Zürich besser zu studieren, um diesen Unannehmlichkeiten zu entgehen.


Auch am nächsten Halt steigt niemand zu, der meine Was-tun-Menschen-im-Zug-Fantasien anregt. Draussen ist es nun fast dunkel. Mitten zwischen Feldern auf denen Nichts zu wachsen scheint steht ein quietschgrün angestrichener Bauernhof. Wie lange es wohl gedauert haben mag den großen Hof in dieser, selbst in der Dämmerung leuchtenden Farbe anzustreichen? Gibt es eigentlich spezialisierte Hausanmaler? Haben sie längere Pinsel, breitere Streichrollen? Die weiteren auf der Strecke stehenden Bauernhäuser sehen deutlich klassischer angestrichen aus. Weiter ziehen kleine Ortschaften zwischen Rapsfeldern vorbei, die Schweizer Flaggen in den Gärten und auf den Dächern mehren sich. Die freundliche Lautsprecherstimme kündigt Zürich an. Jacke überstreifen, Rucksack schultern. Ausstieg in Fahrtrichtung links.

Begibt man sich in internationale Zuggesellschaften mischen sich bald nicht nur die Sprachen sondern auch die Geschmäcker und Eigenarten derart, dass man zeitweise mehr dem Geschehen im Zuginneren als der draussen vorbeiziehenden Landschaft folgt. Irgendwo auf der Strecke zwischen diversen österreichischen Skiorten nimmt mein Wasser sein Ende. Ich beschließe es durch ein Glas Wein im Bordrestaurant zu ersetzen. Fast alle Tische sind frei. Schräg gegenüber sitz ein österreichisches Pärchen mit slawischem Dialekt Ende 60. Allein die Kleiderwahl der Dame, und als solche ist sie wohlweislich zu bezeichnen, erregt die Aufmerksamkeit. Im schwarzweißen, teils leopardengemusterten Kostüm, sehr elegant mit hohem Schuh, trägt sie einen schwarzen Hut mit weißem Netz der sogar Queen Mum entzückt hätte und ihr sicherlich eine Einladung zu einem Tässchen besten englischen Gins eingebracht hätte. Das ganze Schwarz setzt sich deutlich überfärbt in ihrem ondulierten Haar fort, welches das Gesicht mit über die Linien geschminktem, grell rotem Mund umrahmt. Ihr Gatte ist eher der klassische, aufgeräumte Typ. Ordentliche Baumwoll-Bundfaltenhose, Hemd mit Strickpullover im Jägerfarbenmix kartiert und braunes Cordjacket. Auf seinem etwas rundlichen Kopf, den ein kräftiger schwarzer Schnauzer dominiert, ruht ebenfalls auf fein schwarz gefärbtem Haupthaar eine Schiebermütze in dezenter Farbwahl. Sie trinkt Rotwein, er Bier. Ihre Unterhaltung ist deutlich zu laut und die Überspanntheit der Paarinteraktion liegt schwer in der stickigen Restaurantluft. Wortfetzen fliegen herüber, die auf eine gewisse Unzufriedenheit ihrerseits mit seinem Verhalten schließen lassen. Ihr Ton wird mit jedem Schluck Wein schärfer, er versucht auszusitzen, meist schweigend, doch irgendwann nach anfänglichen Versuchen der Beschwichtigung, reißt ihm die Hutschnur. Sie zanken über die jeweiligen Unzulänglichkeiten des Partners, dass dieser unerträglich geworden sei, man sich nicht mehr verstehe, ja sogar gewisse psychotische oder demente Charakterzüge am anderen zu Tage treten würden. Sie verlässt den Tisch, kommt zurück, um einige dramatische Sätze später wieder mit mehr betrunkenem denn elegantem Umherwerfen des Kopfes die Szene wieder zu verlassen. Die Anwesenheit der übrigen Reisenden scheint sie noch mehr anzuheizen. Die Theatralik steigert sich, man erwartet den Eklat…Da hält der Zug, St. Johann im Pongau, sie steigen aus von einer Minute zur nächsten. Der Zug verweilt einen Moment im Bahnhof, der Schaffner steht in der offenen Tür. Da hebt sie die Hand zum königlichen Gruße. Verabschiedet ihr fasziniertes Publikum mit überlegter Geste und lässt uns zurück mit dem Gefühl einer grandiosen, geplanten Inszenierung aufgesessen zu sein.

Der Zug nach Belgrad steht im Morgenlicht am Kopfbahnhof in Bar/Montenegro. 1 Wagen vorne, Bordrestaurant, 2 weitere Wagen am Ende. Es ist nicht einfach mit einem gewissen Alkoholüberhang, zwei Rucksäcke und eine Kameratasche balancierend gleichzeitig noch die, in einer mir nicht verständlichen Sprache gedruckte Fahrtkarte zu studieren, um herauszufinden ob man denn nun eine Reservierung hat und wenn ja wie man zu den entsprechenden Plätzen findet. Ein Schaffner von typischer montenegrisischer Statur tippt mir mit seinem in 1,90m Höhe befindlichen Baumstammarm auf die Schulter und gebietet mir ihm das Ticket zu zeigen. Er studiert es kurz und weist mit rascher, wegwischender Geste auf den letzten Wagen. Gut, Wagen gefunden. Beim Versuch mich durch den engen Gang zu quetschen verteile ich Pass und Fahrtkarte in feinster Schussel-Manier auf dem Boden und auch das bücken gestaltet sich heute recht kompliziert. Das dann endlich vor mir auftauchende 6er Abteil lässt noch den 1.Klasse-Charme vergangener Tage erkennen. Breite, rote, vormals samtige, jetzt abgewetzte Sitze, in die man 10cm einsinkt, nehmen mich erstmal mütterlich in sich auf. Die Fenster scheinen von aussen über die Jahrzehnte von winkenden, flehentlich den Abschied hinaus zögern wollenden Händen stumpf gekratzt worden zu sein. Ein rechter Ausblick will nicht gelingen. Ungünstig auf einer Strecke, die wohl für ihr Panorama bekannt ist. Abgesehen von den blinden Fenstern verlangt der heutige Allgemeinzustand dringlich nach Kaffee, so dass ich alle Hoffnungen auf die bisher auf der Reise hervorragenden balkanesischen Kaffeekochkünste und eine bessere Aussicht im Bord-Restaurant setze und mich auf den Weg dorthin mache. Vorbei an einem durchaus deutlich neumodischeren 1.Klasse Abteil mit wundervoll durchsichtigen Fenstern und mehrfarbigen mit straffen Sitzpolstern ausgestatteten Plätzen. Diese sind mehrheitlich mit einer großen Gruppe französischer Reisender im Rentenalter gefüllt, die überwiegend schweigend dem Knarzen und Tuckern des Zuges zu lauschen scheinen und schon beginnen ihre Verpflegungspakete auf sorgsam ausgelegten Tüchern auszupacken.
Im Bordrestaurant ist einer der Tische voll besetzt. 4 Männer sitzen laut palavernd vor gut gefüllten Schnapsgläsern, die vom Ober in erstaunlich grosszügiger Geste mit bernsteinfarbener Flüssigkeit aus einer bauchigen Flasche aufgefüllt werden. Es wird zur Morgenstunde bereits kräftig gepichelt und aus den geöffneten Zugfenstern geraucht. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, dass es sich bei den Trinkern um Schaffner handelt, die offensichtlich die Vereinbarkeit von Rakija und Arbeitsalltag nicht anzweifeln. Immer kürzer werden die Abstände zwischen 2 Neufüllungen, aber einer hält die Hand übers Glas, hat wohl genug denke ich und fühle wie der starke, türkische Kaffee langsam meine Sinne erweckt. Doch die Lösung der Handgeste ist eine ganz andere. Er wollte nun den klaren Schnaps, nicht mehr den den die anderen wohl weiterhin bevorzugen. Der riesige Schaffner, der mir bei der Platzsuche behilflich war gesellt sich nun ebenfalls zu ihnen, die Fahrkarten der noch spärlichen Zuggäste sind kontrolliert. Die blaue Bundfaltenhose weit über die Taille hoch gezogen, das graublaue Hemd sorgsam hineingesteckt spannt über den kräftigen Oberarmen und der Männerwampe. In seiner verspiegelten Sonnenbrille, die er auch zur Fahrkartenkontrolle nicht ab nimmt, zeichnen sich je nach Kopfneigung und Lichteinfall 2 Buchstaben ab. r & b. Ich habe keinen Schimmer was sie wohl bedeuten und warum man überhaupt Aufdrucke auf einem zum hindurchblicken konstruierten Gebrauchsgegenstand hat. Auch er kippt nun in rascher Abfolge 2 Sliwowitz und quarzt 2-3 Zigaretten durchs Fenster ins Grün der vorbeiziehenden Bäume.

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Das dargebotene menschliche Theater lässt einen fasst übersehen, dass man über wackelige Zugbrücken unendlicher Höhe und über Schluchten mit türkisfarbenen Flüssen rattert und dass sich die schroffen Berge mit dichten Wäldern manchmal bis auf 1m an den Zug drängen. Und dabei sind die Fenster makellos, herrliche Durchsicht gewährend. Schräg hinter mir sitzt ein Mann um die 70. Anzug gestreiftes Hemd, ordentlich nach hinten gekämmtes, grauweißes, schütteres Haar. Er bestellt ein Bier, Niksic 500ml Dose. Diese und das mit gelieferte Glas ordnet er immer wieder in nur für ihn ersichtlicher Positionierung neu an. Langsam füllt sich der Restaurant-Wagen, der allerdings allenfalls ein Bar-Wagen ist. Essbares wird nicht geboten. Ein weiterer älterer Herr gesellt sich zu dem erstgenannten. Irgendwie erscheinen mir beide eine wunderliche Symmetrie zu bilden wie sie da so vorm Fenster sitzen. Als sie nach einiger Zeit ein Gespräch beginnen schweife ich ab, serbokroatisch oder ähnliches, ich kann nicht folgen. Im selben Moment lässt sich eine Dame schwer atmend und mit einem sofortigen, für mich wiederum unverständlichen Wortschwall neben mir nieder. Sie hebt gestikulierend die Arme und mir dämmert langsam was sie mir sagen will. Gestürzt sei sie auf dem Bahngleis von Sutomore. Nase blutig aufgeschlagen, Beule an der rechten Stirn, die Knie seien auch ganz aufgerissen erklärt sie mir gestenreich. Ich nicke und bedeute ihr ebenfalls in großem Armwedeln, dass ich ihren bedauernswerten Zustand wahrgenommen habe und hoffe, sie habe sich nicht Schlimmeres zugezogen. Offensichtlich war meine pantomimische Sprachdarstellung so gut, dass sie sich gerne weiter mit mir „unterhalten“ möchte. Sie lässt Schwall um Schwall serbischer Stakkatosätze auf mich nieder prasseln, ich verstehe allenfalls internationale Wörter wie „super“ und den einen oder anderen Namen einer Stadt. Zunehmend häufen sich 2 Worte „apartamenti“ und „romantico“ oder ähnliches und sie fingerzeigt mir ich solle ihr Papier und Stift geben. Langsam schwant mir dass sie eine romantische Unterkunft in einer wohl vor allem für seine Mineralwasserproduktion bekannten Ortschaft nahe Belgrad vermieten möchte. Auf die Erkenntnis mit dem Wasser bin ich etwas stolz, hatte mich schon gewundert warum sie auf jede erdenkliche Wasserflasche im Abteil gedeutet und deren Namen vorgelesen hat. Ich reiche ihr also Stift und Zettel in der Hoffnung dem langsam anstrengend werdenden Redeschwall damit ein Ende zu setzen. Sie notiert mehrere Zeilen in einer Mischung aus lateinischem und kyrillischem Alphabet, aus der ich sicher nie schlau werden werde. Aber gut, die Intention war ja nicht bei ihr abzusteigen. Leider war meine Annahme, sie wäre nach Bekanntgabe ihrer Kontaktdaten zufrieden, falsch. Sympathisch sei ich ihr, will sie mir glaube ich sagen und dann verstehe ich plötzlich, als ob ich Serbisch in 30 Sekunden gelernt hätte, dass sie Karten legt und Kaffeesatz liest und mein Sternzeichen wissen will. „Vaga, Vaga!“ lacht sie wiederholt und deutet auf ihre eigene Brust und dann fragend auf meine… „Auch Vaga, Vaga..“ antworte ich und sie bricht in freudenstrahlendes Gekicher aus. Ich deute dies als übergrosse Freude bezüglich des Umstandes, dass wir für ihr Empfinden Sternzeichenschwestern sind, was uns vermutlich für lange, intensive und geistreiche Gespräche während der restlichen Zugfahrt prädestiniert. Leider ist mein Plan mich einigermaßen höflich aus der Konversation zu stehlen hiermit vollends gestorben. Sie plappert und gestikuliert in immer wilderen Ausschweifungen und mein wundersames Verständnis der serbischen Sprache ist genauso schnell wieder verschwunden wie es gekommen war. In einem letzten Versuch schaffe ich es ihr klar zu machen, dass ich dringlich aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums am Vorabend und damit einhergehendem Unwohlsein am offenen Fenster Luft schnappen müsse. Das Fenster unseres Tische geht glücklicherweise nicht auf, so dass ich auf die andere Zugseite wechseln muss. Kurz umfängt mich die klare, kühle Luft der montenegrisischen Berge undich bin ein weiteres Mal fasziniert welch unglaubliche, überschäumende Naturschönheit dieses Land vor mir ausbreitet. Ich übe mich in neu erlernter Baumkunde und bestimme Rubinie, Schwarzföhre und diesen Baum, der Erle oder Esche ist…


Als einer der vielen Tunnel mich aus dem Schwelgen reißt kommt der Schaffner ein weiteres Mal in den Wagen um sich mit Zigarette und Schnaps von den nun hunderten kontrollierten Fahrkarten zu erholen. Er ist zunehmend betrunken und sein Tonfall und die eindeutigen, gebieterischen Handzeichen lassen für mich durchaus recht sicher auf eine ehemalige militärische Laufbahn schließen. Der Zug hat sich restlos gefüllt, alle Abteile sind bis auf den letzten Platz besetzt, die Menschen stehen gedrängt in den Gängen und besetzten jeden Tisch des Bar-Wagens. Als ein Tisch fern meiner neuen serbischen Freundin frei wird nehme ich rasch dort Platz und entscheide, dass Nahrungsaufnahme zwischenzeitlich möglich sein sollte. Leider bestehen die geplanten Sandwiches noch aus ungeschnittenem Brot, Käse am Stück und einer ebenfalls noch unaufgeschnittenen Tomate. Das praktischerweise von mir mit auf die Reise genommene Schweizer Taschenmesser ruht 2 Wagen und damit 2 völlig überfüllte Gänge weiter in den Tiefen meines Rucksacks. Mit Hilfe der mich mitleidig vor dieser Misere sitzen sehenden Mitreisenden schaffen wir es vom Ober ein Messer zu organisieren. Es ist ein stumpfes Fleischermesser wie ich vermute, aber es reicht aus um das Brot rupfend zu zerteilen und Käse und Tomate in mundgerechte Stücke zu zerlegen. Leider entsteht trotz Unterlage einer Plastiktüte ein gewisser Krümelhaufen, der dem in diesem Moment nach dem Genuss seines x-ten Schnapses vorbeikommenden Schaffner deutlich missfällt. Ich verstehe plötzlich erneut serbisch und dass er überhaupt nicht angetan ist von diesem Gekrümel und dieses unverzüglich beseitigt werden sollen. Die Umsitzenden schauen noch etwas mitleidiger als zuvor, aber immerhin gibt es jetzt essbare Sandwiches, was die Situation deutlich erträglicher macht.


Meine neue Platzwahl hat mich wieder in die Nähe der beiden alten Männer gebracht, die immer noch symmetrisch vor dem Zugfenster sitzen und zwischenzeitlich erstaunlicher Weise zur deutschen Sprache übergewechselt sind. Der eine ist Deutscher aus Hamburg verbringt seine Pension jedoch schon lange an der Küste Montenegros. Der andere ist Serbe und hat lange Jahre in Deutschland gearbeitet, wie so viele die ich auf der Reise getroffen habe. Sie sind gerade dabei sich gegenzeitig ihre Pässe zu zeigen. Aus welchem Grund erschließt sich mir nicht. Er sei an Lungenkrebs erkrankt sagt der Hamburger. Rauchen, seine alte Leidenschaft sei nun nicht mehr angebracht. Er versuche vernünftig zu sein und sei deshalb auf Schnupftabak umgestiegen. Ein freundlicher Norddeutscher, denn er teilt seinen Schnupf freigiebig mit den Mitreisenden, von denen der eine oder andere allerdings nach dem Tabakgenuss ein etwas unschönes Hitlerbärtchen trägt. Der Deutsche fährt indes in seiner Krankheitsverarbeitungsgeschichte fort, der Krebs würde ihn nun dazu bewegen die Küste mit der Hitze zu verlassen und sich ein Häuschen in den serbischen Bergen kaufen zu wollen. Noch heute plane er den Kaufvertrag zu unterschreiben, um fortan nur noch die gesundheitsfördernde Mittelgebirgsluft zu atmen. Vernünftig denke ich und wünsche ihm, dass hinsichtlich der Menge an Schnupftabak die er konsumiert eine Krankheit der Nase oder der Nebenhöhlen nicht zu einer erneuten Umzugsnotwendigkeit führen möge.


Mir schräg gegenüber sitzt seit geraumer Zeit ein junges Paar. Sie turteln und knutschen glücklich miteinander. Plötzlich taucht meine serbische Freundin wieder auf und freut sich offensichtlich herzlichst mich wieder zu sehen. Sie setzt sich an den Tisch neben die beiden und zirpt und plappert erneut aufs wildeste los. Man sieht mir sicherlich an, dass ich so gut wie nichts verstehe und die beiden schalten sich mit deutschen Brocken in die Unterhaltung ein. Sie spricht auch fließend Englisch, arbeitet für das Kartellamt in Podgorica, ein Wort das sie auf deutsch beherrscht, vermutlich weil es eine von den Deutschen erfundene Einrichtung ist, und fährt mit ihrem Liebsten nach Zlatibor. Dies sei ein Luftkurort im Westen Serbiens erklärt sie und auch bei ihr gibt es eine passende medizinische Hintergrundgeschichte. Denn im vergangenen Winter sei sie mit Freunden in Frankreich Ski fahren gewesen und die Kälte, die dünne Luft und die Tatsache dass sie sich nicht akklimatisiert hätte habe ihr eine Hirnhautentzündung eingebracht, welche sie 3 Wochen an ein Krankenhausbett gefesselt hätte. Nun sei ihr Immunsystem immer noch mächtig schlecht und sie habe von den heilenden Kräften der Erdstrahlung und der Luft in Zlatibor gelesen und hoffe dort während ihres verlängerten Wochenendes, welcher ihr der Feiertag zum 9. Geburtstag Montenegros beschert habe, wieder voll zu genesen. Trotzdem dieser Teil der Unterhaltung auf Englisch geführt wurde scheint unsere serbische Freundin sofort verstanden zu haben, dass es um Krankengeschichten geht. Interessiert fragt sie nach, um dann mit Diverticulite, Arthrite, Pulmonite und einigem mehr ins Gespräch einzusteigen. Die beiden Frauen und der Liebste setzen die Unterhaltung angeregt fort und ich merke wie ich immer mehr abdrifte, wie meine Gedanken mit den vorbeiziehenden Wolken in den Himmel zu entschwinden versuchen. Meine Lider werden immer schwerer und ich kann kaum verhindern, dass mein Kopf gegen das Zugfenster klappt. Schlafen, nur ein kleines bisschen schlafen denke ich noch, als etwas an meinem Ärmel zupft. Ein Teil meines Ich versucht die Störung zu ignorieren, aber der bereits wieder auf mich einströmende serbische Redeschwall lässt mich schnell erkennen, dass es kein Nickerchen geben wird. Nicht hier, nicht jetzt. So ergebe ich mich in mein Schicksal und verfolge wie die Serbin dem Mädel mit der ehemals entzündeten Hirnhaut aus dem Kaffeesatz die Zukunft liest. Die Augen ihres Liebsten werden immer größer und verschreckter, so wie meine wieder beginnen zu zu fallen. Mit einem letzten Aufbäumen schaffe ich es mich höflichst zu verabschieden und an meinen Rucksack geklammert mache ich mich auf den beschwerlichen Weg in das seit Stunden bereits reservierte Abteil.


Die Gänge sind immer noch mit Reisenden überfüllt, die keinen Sitzplatz gefunden haben und teils stehend, teils auf ihrem Gepäck sitzend das Rauchen nun auch bei verschlossenem Fenster als angebracht betrachten. Durch Rauchschwaden, vorbei an den immer noch etwas verschreckt drein blickenden französischen Rentnern suche ich mein Abteil. Die Plätze sind zwischenzeitlich von 2 in Socken lümmelnden Typen belegt, die sicherlich keine Reservierung für diese Plätze haben, denn die haben ja wir. Mein Mitgefühl für das auf sie zukommende stehen im Zugflur hält sich in Grenzen, so dass ich ihnen bestimmt mit der Reservierung vor der Nase herum wedele und mich erschöpft in den mütterlichen Sitz plumpsen lasse als dieser endlich geräumt ist. Schlafen, nur ein kleines bisschen schlafen denke ich schon wieder und weg bin ich.


Als ich aufwache hänge ich etwas schief im Sitz und von schräg gegenüber glotzt mich der Typ der im mittleren Sitz hockt heimlich unter vor die Augen vorgehaltener Hand an. Als er bemerkt dass ich nun wach bin steht er auf und verlässt das Abteil. Ich überlege mir noch ob ich wohl mit halb offenem Mund gesabbert habe und er mich deshalb so angestarrt hat, beschließe dann aber meine gerade wieder aufkommenden Energien lieber in die Niederschrift der Erlebnisse der vergangenen Stunden zu stecken, zuvor jedoch noch eine kleine Brise der ja hier anscheinend unglaublich gesunden Luft am offenen Fenster zu konsumieren. Da auch das Abteilfenster nicht zu öffnen ist stehe ich auf, steige halb auf dem Boden, halb auf Sitze steigend über meine ebenfalls schlafenden Mitreisenden und gelange erleichtert an ein offenes Fenster im Gang, der sich während meines Schläfchens deutlich geleert hat. Tief atme ich die kühler werdende, wunderheilende Abendluft der serbischen Berge in meine Lungen und schließe entspannt nochmals die Augen.


Hi, I’ve been watching you since I saw you the first time today. What?? Ich öffne erschreckt die Augen und neben mir steht der glotzende Typ aus dem Abteil. Er lehnt seine Arme auf das herab geschobene Fenster und seinen Kopf gleichzeitig etwas näher an mich heran. You did? ist alles was ich raus kriege und frage mich ob meine Haare womöglich in wirrer Frisur die Worte „Sprich mich an!“ oder „Ich habe nur auf dich gewartet!“ auf kyrillisch bilden? Der Typ scheint jedenfalls schon genau zu wissen was er will, denn er teilt mir unverhohlen mit, dass er nun totally in love mit mir sei und gerne etwas Zweisamkeit irgendwo hier im Zug hätte. Ich muss lachen, weil ich denke er ist sicherlich nur ein Spassvogel und löst den Scherz gleich auf, aber er plappert in die selbe Richtung weiter und ich versuche mein noch teils im Schlaf befindliches Hirn zu motivieren irgendwelche schlagfertigen Sätze zu erwidern, da überfällt er mich mit dem nächsten Geständnis, „do you know that it hurts physically to stand besides you and not being allowed to kiss you?“ Ich kann nur entsetzt den Kopf schütteln und ihn fragen ob er denn noch aus einem anderen Grund in diesem Zug sei, ausser mir? Ja sagt er, er fahre mit Freunden zum Party machen nach Belgrad, wir könnten uns natürlich auch dort treffen wenn mir das hier im Zug unangenehm sei. Endlich scheint mein Gehirn ausreichend Sauerstoff gesammelt zu haben um zu reagieren. Als ich ihm daraufhin eröffne dass ich definitiv nicht vorhabe im Zug, in Belgrad oder sonst irgendwo ein Schäferstündchen mit ihm abzuhalten und männlicherseits glücklich besetzt sei meint er nur, das sei sehr schade, aber einen Versuch sei es wert gewesen und er sei hoffentlich der Erste gewesen, der mir solch wundervolle Dinge gesagt hätte. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag habe ich das seltsame Gefühl dass irgendwo eine versteckte Kamera mitläuft? Truman-Show schiesst mir durch den Kopf und ich beeile mich in die Sicherheit meines Ex-Luxus-Samt-Sessels zu kommen, um all die wunderlichen Dinge, die einem so auf Zugfahrten passieren können rasch nieder zu schreiben.

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